Herbstanlass AG Mittelthurgau und IHK Thurgau

17. September 2015

Jan-Egbert Sturm in seinem Referat über wirtschaftliche Perspektiven nach dem Frankenschock: "Die Krise ist noch nicht vorbei"

Die negativen Effekte der starken Frankenaufwertung haben sich in der Schweiz bisher weniger stark bemerkbar gemacht als befürchtet. Die Konjunkturprognosen werden deshalb leicht nach oben revidiert. Dies hielt Prof. Dr. Jan-Egbert Sturm, Direktor der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, am Herbstanlass der Industrie- und Handelskammer Thurgau und der Arbeitgeber Mittelthurgau in Weinfelden fest.

„Die Krise ist noch nicht vorbei“, mahnte Sturm in seinem Referat über „Wirtschaftliche Perspektiven nach dem Frankenschock“ vor mehr als 200 Führungskräften aus Wirtschaft und Politik. Unter ihnen befand sich auch Regierungsrätin Cornelia Komposch. Innerhalb der Schweiz seien die Ostschweiz und der Kanton Thurgau stark von der Aufhebung des Mindestkurses von 1.20 Franken pro Euro tangiert, meinte Sturm weiter. Die Unternehmen sähen sich zu Massnahmen gezwungen. Preisnachlässe hat die Konjunkturforschungsstelle häufig beobachtet. „Die Preise haben stark reagiert“, bilanzierte er.

Weit weg von der Kaufkraftparität

Aktuell befindet sich der Eurokurs „weit weg“ von der Kaufkraftparität. Diese belaufe sich – je nach Berechnungsmodell – auf einen Wert zwischen 1.25 bis 1.45 Franken pro Euro, so Sturm. Verschiedene Firmen planen den Abbau von Personal. Währenddem beim produzierenden Gewerbe Stellen wegfallen, findet bei den öffentlichen und privaten Dienstleistungen, namentlich in den Bereichen Gesundheit und Bildung, ein Stellenaufbau statt. Global betrachtet steht die westliche Welt gemäss Sturm „gar nicht so schlecht da“. Der asiatische Raum hingegen sei am Schwächeln.

Podiumsdiskussion mit Spuhler, Neuweiler und Heim

David Angst, Redaktionsleiter der „Thurgauer Zeitung“, leitete das Podium mit drei Unternehmern. Peter Spuhler, Inhaber und CEO der Stadler Rail Group, zeigte sich skeptisch gegenüber den relativ positiven Wachstumsprognosen. Die Situation in der Maschinenindustrie, im Tourismus und im Detailhandel zeigt ein anderes Bild. Er wies auf den Abschreibungsbedarf in vielen Firmenbilanzen hin. „Die Wahrheit kommt erst Ende 2015 oder Anfang 2016“, betonte er. Christian Neuweiler, Geschäftsleiter der Neuweiler AG, IHK-Präsident und FDP-Nationalratskandidat, sieht eine grosse Volatilität und Instabilität. Laut Ruedi Heim, Geschäftsleiter der KIFA AG und CVP-Nationalratskandidat, werden derzeit in vielen Firmen Investitions- und Auftragsentscheide hinausgeschoben.

Stärken bewahren

Trotz des hohen Lohnkostenniveaus wollen Spuhler, Neuweiler und Heim in den nächsten Monaten kein Personal abbauen. Vorteile der Schweiz sind gemäss Spuhler die längeren Arbeitszeiten, das duale Berufsbildungssystem, die hohe Flexibilität der Mitarbeitenden und das liberale Wirtschaftsrecht. Diesen Vorteilen gelte es, Sorge zu tragen. Christian Neuweiler brachte das Rezept für die Industrie auf den Punkt: „Fokussieren, rationalisieren, automatisieren und noch innovativer werden.“ Gemäss Heim gilt es, die Produktion von den Arbeitskosten unabhängiger zu machen und den Anteil der Personalkosten im Griff zu behalten.

„Der Entscheid der Nationalbank im Januar hat uns die Sicherheit genommen in einer Zeit der Unsicherheit“, erklärte Dominik Hasler, Präsident der Arbeitgeber Mittelthurgau. Er rief die Anwesenden auf, am 18. Oktober 2015 Unternehmerinnen und Unternehmer auf ihre Wahlzettel zu schreiben. Neben Christian Neuweiler und Ruedi Heim waren TGV-Präsident Hansjörg Brunner (FDP), TGV-Vizepräsidentin Diana Gutjahr (SVP) und Urs Zurbuchen (EDU) als Kandidierende anwesend.

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