Iran-Krieg: Neun von zehn Ostschweizer Unternehmen erwarten Bremseffekte
Der Iran-Krieg dauert seit dreieinhalb Monaten an. Die Strasse von Hormus ist seither weitgehend blockiert. Eine IHK-Unternehmensumfrage zeigt nun erstmals die konkreten Auswirkungen auf die Ostschweizer Wirtschaft. Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen berichtet von negativen Effekten im eigenen Betrieb. Viele reagieren mit Anpassungen bei Preisen und Lieferketten. Das nun angekündigte Abkommen zwischen den USA und dem Iran schürt Hoffnung auf eine gewisse Entspannung.
Baufolien, Selbstklebematerialien, Kunststoffgranulate, Belagmischgut, Schmiermittel, Aluminiumteile oder Kühlmittelzusätze: Die Liste der Vorprodukte und Rohmaterialien, bei denen Ostschweizer Betriebe eine negative Betroffenheit melden, ist lang. Das zeigt eine aktuelle Unternehmensumfrage der IHK St.Gallen-Appenzell und der IHK Thurgau, an der 218 Ostschweizer Unternehmen teilnahmen. Die Auswirkungen des Iran-Kriegs beziehungsweise der Blockade der Strasse von Hormus beschränken sich längst nicht mehr auf die Erdölpreise. Je länger der Konflikt andauert, desto stärker fallen auch indirekte Effekte ins Gewicht.
Mehr als die Hälfte negativ betroffen
Die Wirkungskanäle sind vielfältig: Jeweils knapp zwei Drittel der befragten Betriebe sehen oder erwarten volkswirtschaftliche Herausforderungen durch erhöhte Unsicherheit sowie durch Lieferverzögerungen und -engpässe. Auch eine schwächere Nachfrage, ein erhöhter Inflationsdruck und der Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken werden von jeweils rund der Hälfte der Betriebe als Herausforderungen beurteilt. Insgesamt gaben in der Umfrage neun von zehn Unternehmen an, negative Effekte auf das Schweizer Wirtschaftswachstum zu erwarten. In der Zwischenzeit haben sich die USA und der Iran auf ein Abkommen verständigt. Dieses schürt Hoffnung auf eine Entspannung. Ob eine solche tatsächlich resultiert, hängt aber massgeblich davon ab, wie rasch und nachhaltig die Strasse von Hormus wieder passierbar sein wird.
Das zeigt sich auch mit Blick auf die konkrete Betroffenheit in den Unternehmen. In der Umfrage berichten knapp 57 % der Betriebe, selbst negativ vom Iran-Krieg betroffen zu sein. 4 % sehen positive Auswirkungen, knapp 40 % sind nicht tangiert. Das Ausmass der Betroffenheit unterscheidet sich dabei deutlich nach Unternehmen und Branche. Besonders exponiert sind Industrie- und Grosshandelsunternehmen.
Effekte wirken kostensteigernd und nachfragehemmend
Unternehmen, die vom Iran-Krieg direkt betroffen sind, haben vor allem mit höheren Energie- und Treibstoffkosten sowie gestiegenen Transport- und Logistikkosten zu kämpfen. Beide Herausforderungen werden von mehr als drei Vierteln dieser Unternehmen genannt. Mit Verzögerungen in den Lieferketten sind 57 % konfrontiert. Diese Faktoren wirken kostensteigernd und erhöhen letztlich den Inflationsdruck.
Gleichzeitig zeigen sich nachfrageseitig negative Effekte. Häufig genannt werden die erhöhte Unsicherheit, eine schwächere Exportnachfrage sowie eine tiefere allgemeine Investitionstätigkeit. Auch der Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken wird vielfach als Belastung wahrgenommen. Diese Kombination aus kostensteigernden und nachfragehemmenden Effekten belastet das Konjunkturumfeld. Der erhoffte Aufschwung in der Ostschweizer Industrie hat sich bislang nicht gezeigt, die Aussichten sind gedämpft
Preiserhöhungen als Folge
Auf die Herausforderungen reagiert die Mehrheit der betroffenen Unternehmen mit einer systematischen Beobachtung und Analyse der Lage. Mehr als die Hälfte hat zudem bereits Preisanpassungen vorgenommen oder zieht solche in Betracht. Zudem wurden zahlreiche Massnahmen entlang der Lieferketten ergriffen oder geplant: Dazu zählen höhere Lagerbestände (33 % der Nennungen), die Prüfung alternativer Lieferanten (25 %), eine intensivere Kunden- und Lieferantenkommunikation (23 %) sowie Anpassungen bei Transportwegen oder Logistikpartnern (22 %). Mehr als jedes fünfte betroffene Unternehmen plant zudem, Investitionen zu verschieben.
Betroffenheit steigt mit Fortdauer des Konflikts
Von den betroffenen Unternehmen meldet bereits jedes vierte erhebliche Störungen in den Produktions- oder Geschäftsprozessen. Dieser Anteil dürfte deutlich steigen, sollte das angekündigte Abkommen nicht rasch unterzeichnet und konsequent umgesetzt werden. So erwarten weitere 30 % erhebliche Störungen bis im Herbst, sofern bis dahin keine Normalisierung oder Stabilisierung der Lage eintritt und insbesondere die Strasse von Hormus blockiert bleibt. Die Umfrage macht damit nicht nur die bereits heute breite Betroffenheit in der Ostschweizer Wirtschaft deutlich, sondern auch die erheblichen Abwärtsrisiken.
IHK-Unternehmensumfrage zum Iran-Krieg
Die Umfrage zum Iran-Krieg und seinen Auswirkungen auf die Ostschweizer Wirtschaft wurde von der IHK St.Gallen-Appenzell und der IHK Thurgau gemeinsam durchgeführt. Befragt wurden die Mitglieder der beiden Industrie- und Handelskammern im Zeitraum vom 2. bis 11. Juni 2026. Insgesamt nahmen 218 Unternehmen teil, davon sind 131 international tätig; 46 unterhalten Geschäftstätigkeiten in oder mit der Golfregion.